Tour durch Waldkirchen
Station 5
K: He ihr da – ja ihr! Kommt mal her! Wie tritt sie denn in Erscheinung? Schämet ihr euch nicht!
F: Wer – ich? Was ist denn an Top und Mini-Rock so falsch? Was willst du überhaupt?
K: Du? Wie sprechet sie mit einem Mann Gottes? Wie schaut sie aus? Ist sie denn schon fern der Gnad Gottes.
F: Naja mit dem Gott und der Kirche kann ich halt nichts anfangen. Und was stört dich denn?
K: Nicht sei bedecket ihre Unzucht, das Gewand muss bis zum Knöchel reichen! Christen! Wo soll das führen! Et cum vidisset turbam tumultuantem dicebat, recedite.
F: Was liest du denn da komisches?
K: Unwissende! Das sind die Worte Gottes! Das Büchlein aus dem Turm am Büchl, welches sich auch Museum nennt. Der Frevel weilet wohl stärker unter uns denn je! Erst neulich predigt ich am 23. Sonntage nach Pfingsten anno 1772, wie es hier in diesem Markte zugeht.
F: Jetzt bin ich aber neugierig, was hat dich da wohl gestört?!
K: Mir gefallet ihr Ton nicht! In unserm Ort stehts nicht zum Besten. In einem Haus findet man das Spielervolk, das sogar am Sabath würfelt und die Kegel schiebt. Viele sind verheiratet und Weib und Kind zu Haus leiden in dessen Not. In einem andren Garten wird während der heiligen Messe die Kegel geschoben, in einem andern Haus halten 2 liederliche Bettelwirt Freytänze bis in die Nacht – selbst in diesen Hungerszeiten 1772, wo manche haben weder Kraut noch Erdäpfel, kein Bissen Brot. Der ander Wirt zecht den Männern einen solchen Rausch an, dass sie nicht mehr hören und sehen können. Schlagen Fenster ein. Christen! Liebe Christen! Misereor super turbam, mir erbarmet das Volk. In einem andern Wirtshaus sind drei Schwestern fast zur gleichen Zeit zum schändlichen Fall gekommen.
F: Schändlicher Fall?
K: Durch uneheliche Fleischeslust. Aber den zwei liederlichen Wirte habe ich scharf gepredigt.
F: Und das haben sie sich gefallen lassen?
K: Wohl denn, ich muss gestehen, es hat Prozess gegeben, sogar beim Bischof und unser gütiger Landesherr hat zur Beruhigung den Wirten nachgegeben.
F: Hat’s Ärger gegeben?
K: Er hat mich zur einstweiligen Abberufung von hier verdammt. Aber sie kann es Ihn ja selber fragen, oben am Büchl in dem Haus, das sich Museum nennt, dort kann sie ihn heute antreffen. Nun muss ich aber mein Brevier weiterbeten, zerstreu sie sich!